Bruno Bär und das Rätsel des verschwundenen Winterschlafs

Eine sanfte Reise durch den verschneiten Winterwald, auf der ein kleiner Bär lernt, dass der Schlaf manchmal erst gefunden werden will.

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Ein wacher Bär in einer schlafenden Welt

Tief im Herzen des großen, dichten Waldes war die Welt ganz weiß geworden. Der Winter war gekommen und hatte über Nacht eine schwere, flauschige Decke aus glitzerndem Schnee über die Tannen, die Felsen und die kleinen Bäche gelegt. Alles war still. So still, dass man fast hören konnte, wie die Schneeflocken auf den Boden tanzten. Die meisten Tiere des Waldes hatten sich schon längst in ihre warmen Höhlen und Nester zurückgezogen. Die Igel schliefen fest eingerollt in ihren Laubhaufen, die Hasen kuschelten sich in ihren Erdlöchern zusammen, und die Vögel saßen mit aufgeplusterten Federn hoch oben in den Zweigen der Fichten. In einer besonders gemütlichen Höhle, die tief unter den Wurzeln einer alten Eiche lag, lebte Balduin. Balduin war ein kleiner Bär mit einem Fell, das so weich war wie eine Wolke und die Farbe von warmem Kakao hatte. Eigentlich war jetzt die Zeit, in der alle Bären tief und fest schliefen. Es war die Zeit des Winterschlafs. Balduins Mama und sein Papa schnarchten auch schon leise vor sich hin. Es war ein beruhigendes Geräusch, ein rhythmisches Brummen, das eigentlich jeden sofort einschlafen lassen sollte. Aber Balduin war hellwach. Er lag auf seinem weichen Lager aus Moos und getrocknetem Gras und starrte an die Decke der Höhle. Er hatte sich schon von der linken auf die rechte Seite gedreht. Dann hatte er sich auf den Bauch gelegt und seine Tatzen unter den Kopf geschoben. Danach hatte er versucht, sich ganz klein wie eine Kugel zusammenzurollen, und schließlich hatte er sich ganz lang ausgestreckt, bis seine Zehen fast den Ausgang der Höhle berührten. Aber nichts half. Seine Augen wollten einfach nicht zugehen. Balduin war müde. Oh ja, er war sogar schrecklich müde. Seine kleinen Bärenbeine fühlten sich schwer an und sein Kopf war ganz dösig. Aber in seinem Inneren fühlte es sich so an, als würden dort noch ein paar kleine, freche Sonnenstrahlen herumtanzen, die ihn einfach nicht zur Ruhe kommen ließen. Er dachte an die Beeren, die er im Sommer genascht hatte, an das kühle Wasser des Bachs und an das Kitzeln der Schmetterlinge auf seiner Nase. Ich glaube, flüsterte Balduin ganz leise in die Dunkelheit der Höhle, ich glaube, das Sandmännchen hat mich heute vergessen. Vielleicht ist sein Sack mit dem Schlafsand leer? Oder vielleicht hat es den Weg zu unserer Höhle im tiefen Schnee nicht gefunden? Balduin seufzte. Er wusste, dass er schlafen musste, damit er im Frühling wieder kräftig und munter war. Aber ohne den Schlafsand des Sandmännchens schien es heute einfach nicht zu klappen. Er fasste einen Entschluss. Wenn das Sandmännchen nicht zu ihm kam, dann musste er eben das Sandmännchen suchen. Vielleicht war es ja ganz in der Nähe und brauchte Hilfe? Ganz vorsichtig, um seine Eltern nicht zu wecken, schlich Balduin aus seinem Moosbett. Er setzte eine Tatze vor die andere. Knuff, knuff, machten seine weichen Pfoten auf dem Boden. Als er den Eingang der Höhle erreichte, wehte ihm ein Schwall kühler, frischer Winterluft entgegen. Das fühlte sich herrlich an auf seiner warmen Bärennase. Draußen war die Welt in ein sanftes, blaues Licht getaucht. Der Vollmond stand hoch am Himmel und ließ den Schnee glitzern, als wären Millionen kleiner Diamanten darauf verstreut worden. Balduin stapfte los. Bei jedem Schritt versanken seine Pfoten tief im weichen Schnee. Knirsch, knirsch, knirsch. Das war das einzige Geräusch, das in der großen Stille des Waldes zu hören war. Balduin sah sich um. Die Bäume sahen im Mondlicht aus wie große, weiße Riesen mit Pudermützen. Wo fängt man nur an, ein Sandmännchen zu suchen? fragte er sich. Er beschloss, dem schmalen Pfad zu folgen, der tiefer in den Wald hineinführte. Dieser Pfad wurde im Sommer oft von den Tieren benutzt, aber jetzt war er fast völlig unter der Schneedecke verschwunden. Nur ein paar kleine Hügel verrieten, wo die Steine und Wurzeln lagen. Nach einer Weile gelangte Balduin zu einer alten Buche. Dort oben, in einem Loch im Stamm, wohnte Oda, die weise Eule. Balduin wusste, dass Oda nachts oft wach war. Vielleicht hatte sie das Sandmännchen gesehen? Oda? rief Balduin leise nach oben. Hallo, Oda? Bist du wach? Ein leises Flattern war zu hören, und kurz darauf erschienen zwei große, gelbe Augen in der Dunkelheit des Baumlochs. Oda breitete ihre Flügel aus und landete lautlos auf einem Ast direkt über Balduin. Na nu, kleiner Balduin? brummte sie mit ihrer tiefen, ruhigen Stimme. Solltest du nicht längst in deiner Höhle liegen und von Honigwiesen träumen? Warum stapfst du denn mitten in der Nacht durch den hohen Schnee? Balduin sah zu ihr auf und seine Atemwölkchen tanzten wie kleiner Nebel vor seinem Gesicht. Ich kann nicht schlafen, Oda. Ich glaube, das Sandmännchen hat mich vergessen. Hast du es vielleicht vorbeifliegen sehen? Hat es noch Sand in seinem Säckchen? Oda neigte den Kopf zur Seite und betrachtete den kleinen Bären freundlich. Das Sandmännchen ist ein flinker Geselle, Balduin. Es reist auf den Lichtstrahlen des Mondes und auf dem Rücken des Windes. Aber weißt du, manchmal muss man nicht nach ihm suchen. Manchmal muss man einfach nur ganz still sein, damit es einen findet. Aber ich war doch ganz still in meiner Höhle, entgegnete Balduin ein bisschen traurig. Oda schmunzelte. Vielleicht war dein Herz noch ein bisschen zu laut, kleiner Bär. Hör mal genau hin. Was hörst du, wenn du ganz leise bist? Balduin schloss die Augen. Er hielt den Atem an. Zuerst hörte er gar nichts. Dann hörte er das ferne Knacken eines Astes, der unter der Last des Schnees nachgab. Dann hörte er das sanfte Rauschen des Windes in den Wipfeln der Tannen. Und schließlich hörte er seinen eigenen Herzschlag. Bumm-bumm, bumm-bumm. Es war ein ruhiger, fester Takt. Der Wald atmet, Balduin, sagte Oda leise. Hörst du, wie der Schnee die Geräusche schluckt? Er legt sich wie ein weiches Kissen über alles. Das Sandmännchen ist heute auf dem Pfad der Träume unterwegs. Das ist ein ganz besonderer Weg, der nur erscheint, wenn man fest daran glaubt und ganz ruhig atmet. Folge dem Glitzern des Mondes bis zur großen Lichtung. Dort triffst du vielleicht jemanden, der dir weiterhelfen kann. Balduin bedankte sich bei der weisen Eule. Danke, Oda. Ich werde versuchen, ganz leise zu sein. Er setzte seinen Weg fort. Knirsch, knirsch, knirsch. Er achtete jetzt mehr darauf, wie sich der Schnee unter seinen Tatzen anfühlte. Er war kalt, aber auch irgendwie weich. Balduin fühlte sich gar nicht mehr so allein. Es war, als würde der ganze Wald mit ihm zusammen atmen. Nach einer Weile kam er an einem großen, umgestürzten Baumstamm vorbei. Der Stamm war über und über mit Moos bewachsen, das jetzt unter einer dicken Eisschicht funkelte. Plötzlich sah Balduin etwas Kleines, Graues, das sich unter einer Wurzel bewegte. Er beugte sich vorsichtig vor. Es war eine Familie von Feldmäusen. Sie hatten sich in einer kleinen Höhlung unter dem Stamm ein Nest aus trockenem Gras und Federn gebaut. Die Mäuse lagen ganz eng aneinandergekuschelt. Ihre winzigen Nasen zuckten im Schlaf und ihre Schwänzchen waren ordentlich eingerollt. Sie sahen so friedlich aus, dass Balduin unwillkürlich lächeln musste. Eine der kleinen Mäuse öffnete kurz ein Auge, sah Balduin an, gähnte so weit auf, dass man ihre winzigen Zähnchen sehen konnte, und kuschelte sich dann wieder tief in das warme Fell ihrer Geschwister. Balduin flüsterte: Schlaf gut, kleine Maus. Er merkte, wie ihn das Zusehen schon ein kleines bisschen schläfriger machte. Er stellte sich vor, wie warm es im Inneren des Mäusenests sein musste. Aber er wollte ja das Sandmännchen finden. Also stapfte er weiter. Der Pfad führte ihn nun bergauf. Die Bäume wurden hier etwas lichter, und das Mondlicht konnte den Boden noch heller erleuchten. Balduin sah, wie der Wind kleine Schneewirbel über den Boden tanzen ließ. Sie sahen aus wie winzige Geister, die fangen spielten. Balduin versuchte, einen der Schneewirbel mit der Tatze zu fangen, aber der Wirbel löste sich sofort auf und hinterließ nur ein paar kalte Flocken auf seinem Fell. Endlich erreichte er die große Lichtung, von der Oda gesprochen hatte. Die Lichtung war ein perfekter, weißer Kreis. In der Mitte stand eine einzige, riesige Tanne, deren Äste bis zum Boden hingen und wie ein prachtvolles Zelt wirkten. Und dort, unter der Tanne, sah Balduin jemanden. Es war Ferdinand, der Fuchs. Ferdinand war normalerweise ein sehr munterer Geselle, der gern Witze riss und durch das Gebüsch flitzte. Aber heute saß er ganz still da und starrte in den Sternenhimmel. Sein rotes Fell leuchtete fast orangefarben im Mondlicht. Hallo Ferdinand, sagte Balduin leise, während er näher kam. Ferdinand drehte langsam den Kopf. Oh, hallo Balduin. Du bist also auch noch unterwegs? Hast du auch die Sternschnuppen gezählt? Eigentlich suche ich das Sandmännchen, gestand Balduin. Ich kann nicht einschlafen und dachte, es hätte mich vergessen. Ferdinand schüttelte den Kopf und sein buschiger Schwanz wedelte sacht über den Schnee. Das Sandmännchen vergisst niemanden, Balduin. Aber manchmal macht es eine Pause hier auf dieser Lichtung. Es sagt, dass die Sterne hier am hellsten funkeln und dass man hier die besten Träume einsammeln kann. Balduin setzte sich neben Ferdinand in den Schnee. Das war gar nicht so kalt, wie er gedacht hatte, denn sein Po hatte ein dickes Polster. Er sah auch nach oben. Der Himmel war schwarz und tief, und die Sterne funkelten wie kleine Laternen. Schau mal dort oben, sagte Ferdinand und zeigte mit seiner schmalen Schnauze nach oben. Siehst du die Gruppe von Sternen, die aussieht wie ein kleiner Wagen? Das ist der Wagen, mit dem das Sandmännchen seine Träume transportiert. Und siehst du den feinen, silbernen Staub, der um die Sterne herumschimmert? Das ist der Schlafsand. Balduin staunte. Er hatte die Sterne noch nie so genau betrachtet. Sie sahen so ruhig aus. Sie wackelten nicht, sie rannten nicht herum, sie leuchteten einfach nur ganz friedlich vor sich hin. Weißt du, was ich mache, wenn ich nicht schlafen kann? fragte Ferdinand. Ich suche mir einen Stern aus. Einen, der ganz besonders ruhig leuchtet. Und dann atme ich genau in seinem Rhythmus. Wenn der Stern heller wird, atme ich ein. Wenn er ein bisschen blasser wird, atme ich aus. Balduin wollte das sofort ausprobieren. Er suchte sich einen kleinen, bläulichen Stern aus, der direkt über der Spitze der großen Tanne stand. Einatmen... der Stern leuchtet hell. Ausatmen... der Stern wird ganz sanft. Einatmen... die frische Waldluft füllt Balduins Lungen. Ausatmen... alle Unruhe fließt aus seinen Tatzen hinaus in den Schnee. Er machte das ein paar Mal. Ein und aus. Ein und aus. Mit jedem Mal fühlten sich seine Augenlider ein kleines bisschen schwerer an. Es war ein schönes Gefühl. Es war, als würde er ein Stück von der Ruhe der Sterne in sich aufnehmen. Danke, Ferdinand, murmelte Balduin. Das hilft wirklich. Aber wo ist denn nun das Sandmännchen? Ferdinand lächelte geheimnisvoll. Schau dich doch mal um, Balduin. Was siehst du? Balduin sah sich um. Er sah die verschneite Lichtung, die schlafenden Bäume, den glitzernden Schnee und seinen Freund, den Fuchs. Er sah die Ruhe und den Frieden des Waldes. Ich sehe, dass alles schläft oder sich auf den Schlaf vorbereitet, sagte Balduin. Genau, antwortete Ferdinand. Das Sandmännchen ist kein Wesen, das man an die Hand nehmen kann. Es ist wie der Duft von Tannennadeln oder das Gefühl von warmer Wolle. Es ist überall dort, wo man sich sicher und geborgen fühlt. Wenn du jetzt zu deiner Höhle zurückgehst und dich in dein weiches Moos legst, dann wird es schon da sein und auf dich warten. Es ist mit dir mitgelaufen, die ganze Zeit. Es war im Knirschen des Schnees, in den Worten von Oda und im Leuchten der Sterne. Balduin verstand. Er fühlte sich jetzt gar nicht mehr so wach und unruhig. Er fühlte sich schwer und gemütlich. Er stand langsam auf und klopfte sich den Schnee von seinem Bärenfell. Gute Nacht, Ferdinand, sagte er gähnend. Gute Nacht, Balduin. Träum was Schönes von Honig und warmen Sommertagen, antwortete der Fuchs, rollte sich unter der Tanne zusammen und schloss die Augen. Balduin machte sich auf den Rückweg. Er lief jetzt nicht mehr so schnell. Er genoss die Stille. Der Wald kam ihm jetzt vor wie eine große, warme Decke, die ihn schützend umhüllte. Er kam wieder an der Mäusefamilie vorbei, die immer noch friedlich schlummerten. Er sah hoch zur alten Buche, wo Oda die Eule regungslos auf ihrem Ast saß und wie eine Statue über den Wald wachte. Als er sich seiner eigenen Höhle näherte, sah er das warme Dunkel des Eingangs. Es sah so einladend aus. Er schlich wieder hinein, ganz leise, wie ein kleiner Schatten. Er hörte das vertraute Brummen seiner Eltern. Es klang jetzt noch schöner als vorher. Es war das Geräusch von Zuhause. Balduin krabbelte in sein Lager. Er spürte das weiche Moos unter sich. Er zog seine Decke aus getrockneten Blättern und weichem Gras bis unter sein Kinn. Er war jetzt ganz warm. Seine Tatzen waren warm, sein Bauch war warm und seine Ohren waren warm. Er schloss die Augen und dachte noch einmal an den blauen Stern auf der Lichtung. Einatmen... Ausatmen... Und da spürte er es plötzlich. Ein ganz feines, sanftes Kitzeln auf seinen Augenlidern. Es fühlte sich an wie winzige, warme Sandkörner, die ihm die Augen ganz sanft zudrückten. Er musste nicht mehr suchen. Das Sandmännchen war da. Es war mit ihm nach Hause gekommen. Balduin lächelte im Halbschlaf. Er stellte sich vor, wie er auf einer großen, weißen Wolke aus Schnee durch den Sternenhimmel schwebte. Er flog vorbei an Oda, vorbei an Ferdinand und direkt hinein in einen wunderschönen Traum. In diesem Traum schien die Sonne warm auf sein Fell, und überall im Wald blühten die herrlichsten Blumen, die alle nach Honig dufteten. Der kleine Bär atmete tief und gleichmäßig. Sein Herz schlug im ruhigen Takt des Waldes. Draußen fiel leise neuer Schnee und deckte seine Spuren zu, als wollte der Wald sagen: Jetzt ist alles gut. Jetzt schlafen alle. Ganz sacht bewegte Balduin noch einmal eine Pfote, so als wollte er im Traum eine unsichtbare Biene fangen, dann wurde er ganz still. Die Höhle war erfüllt von Frieden. Der Winterwind draußen sang ein leises Wiegenlied, das durch die Ritzen der Wurzeln drang. Schlaf gut, kleiner Balduin, schien der Wind zu flüstern. Schlaf gut, du kleiner Entdecker. Morgen, wenn du aufwachst, wird der Wald immer noch weiß und glitzernd sein, und du wirst voller Kraft für neue Abenteuer sein. Aber jetzt ist die Zeit der Träume. Und während der Mond langsam weiter über den Himmel zog und die Sterne ihre Wache hielten, schlief der kleine Bär Balduin tief und fest den glücklichsten Winterschlaf, den man sich nur vorstellen kann. Die Welt war still, die Welt war weiß, und alles war genau so, wie es sein sollte. In der großen, weiten Stille des verschneiten Waldes war Balduin nun kein wacher Bär mehr in einer schlafenden Welt. Er war ein Teil des großen Traums geworden, den der Winter jede Nacht aufs Neue erzählte. Und wenn man ganz genau hinhört, ganz leise und ganz geduldig, dann kann man vielleicht auch heute noch das sanfte Schnarchen eines kleinen Bären hören, der tief unter einer alten Eiche von Honig und Sternenstaub träumt.