Vom Nachttopf zur Kanalisation: Eine Kulturgeschichte der Hygiene

Eine spannende Entdeckungsreise unter die Straßen und hinter die Türen unserer Häuser, um das Geheimnis der unsichtbaren Rohre zu lüften.

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Achtung unten – Wie alles begann

Stellt euch vor, wir steigen gemeinsam in eine magische Zeitmaschine. Wir setzen uns gemütlich hin, schnallen uns fest und – wusch – fliegen wir weit in die Vergangenheit zurück. Wir landen in einer Stadt, die ganz anders aussieht als die, in der ihr heute wohnt. Es gibt keine Autos, keine großen Busse und auch keine glänzenden Ampeln an den Ecken. Stattdessen stehen dort viele kleine Häuser aus dunklem Holz und grauem Stein ganz nah beieinander, so als würden sie sich gegenseitig fest an den Schultern halten, damit keines umfällt. Wenn wir jetzt unsere Nasen in den Wind halten und tief Luft holen, merken wir sofort etwas: Es riecht hier ganz eigenartig. Nicht nach frisch gebackenen Waffeln oder nach dem sauberen Regen im Wald. Es riecht eher so, als hätte jemand ganz lange vergessen, den Mülleimer in der Küche auszuleeren. Dazu kommt ein Duft, den man sonst nur auf einem alten Bauernhof findet, wo viele Pferde und Kühe im Stall stehen. Wisst ihr auch, warum das damals so war? Früher gab es in den Häusern noch keine Badezimmer, so wie wir sie kennen. Es gab kein weißes Waschbecken, keinen glänzenden Wasserhahn mit warmem Wasser und erst recht keine Toilette mit einer Spülung, die man einfach drücken kann und – gluck, gluck, gluck – ist alles im Rohr verschwunden. Die Menschen hatten stattdessen kleine Eimer oder Töpfe aus Metall oder Ton in einer Ecke stehen. Und wenn diese Eimer voll waren, mussten sie ja irgendwohin geleert werden. Aber wohin bloß, wenn es keine Rohre in den Wänden gab? Die Lösung der Menschen war damals ganz einfach, aber für uns heute ziemlich verrückt: Sie machten einfach ihr Fenster weit auf, schauten kurz hinunter auf die schmale Gasse und riefen mit lauter Stimme: Achtung unten! Und dann – schwapp – kippten sie alles, was im Eimer war, direkt aus dem Fenster nach draußen auf die Straße. Das klingt für uns heute ziemlich lustig und vielleicht auch ein bisschen eklig, oder? Unten auf der Straße bildete sich so ein richtiger, tiefer Matschweg. Die Menschen trugen deshalb oft ganz besondere Schuhe mit sehr dicken Holzsohlen, die fast wie kleine Stelzen aussahen. Damit balancierten sie vorsichtig durch den Schlamm, um keine schmutzigen Füße zu bekommen. Wenn man durch die Stadt spazieren wollte, musste man also immer gut aufpassen und die Ohren spitzen. Wer den Ruf Achtung unten nicht rechtzeitig hörte, hatte Pech und wurde ordentlich nass gespritzt. Die Stadt war damals also ein ziemlich matschiger und duftender Ort. Aber keine Sorge, im nächsten Kapitel erfahrt ihr, wie die Menschen angefangen haben, ein großes Geheimnis unter der Erde zu bauen, um alles wieder sauber zu machen.

Das Labyrinth unter den Füßen

Stell dir vor, du stehst auf einer ganz normalen Straße in deiner Stadt. Du siehst Autos, Menschen, die einkaufen gehen, und vielleicht ein paar bunte Blumenkästen an den Fenstern. Alles sieht ordentlich und sauber aus. Aber hast du dich jemals gefragt, was genau in diesem Moment direkt unter deinen Füßen passiert? Dort unten, tief unter dem Asphalt und den grauen Pflastersteinen, gibt es eine geheimnisvolle zweite Welt. Es ist ein riesiges Labyrinth aus Tunneln und verborgenen Gängen, das sich wie ein riesiges Spinnennetz unter der ganzen Stadt ausbreitet. Früher, als die Städte noch ganz jung waren, gab es diese Tunnel noch nicht. Wir haben ja schon gehört, dass der ganze Schmutz damals einfach oben auf den Gassen liegen blieb. Das war natürlich gar nicht schön, es hat unangenehm gerochen und die Leute wurden davon oft krank. Die Menschen merkten irgendwann, dass sie etwas ganz Neues ausprobieren mussten, wenn sie gesund und glücklich zusammenleben wollten. Also hatten kluge Baumeister eine großartige Idee: Wenn wir den Schmutz oben auf der Straße nicht haben wollen, dann verstecken wir ihn einfach dort, wo ihn niemand mehr sehen kann. Sie fingen an zu graben. Mit Schaufeln und Hacken buddelten sie tiefe Gräben in die Erde. Dann bauten sie dort unten prächtige, runde Tunnel aus Tausenden von kleinen Ziegelsteinen. Es war fast so, als würden sie eine umgekehrte Stadt bauen, die nur aus geheimen Gängen besteht. In diesen Tunneln sollte das schmutzige Wasser wie auf einer langen Rutsche ganz schnell aus der Stadt hinausfließen. Das war eine gewaltige Aufgabe, die viele Jahre dauerte. Stellt euch vor, wie die Arbeiter dort unten im schwachen Lampenschein Stein auf Stein setzten, damit wir es heute oben alle schön und sauber haben. Durch diese geheimen Wege veränderte sich das Aussehen unserer Städte vollkommen. Plötzlich war oben auf den Straßen ganz viel Platz. Weil kein Schmutz mehr in den Rinnen floss, konnten die Menschen die Wege pflastern und viel breiter bauen. Man konnte nun endlich gemütlich spazieren gehen, ohne ständig ängstlich auf den Boden schauen zu müssen. Die Stadt wurde zu einem hellen Ort, an dem man gerne draußen spielte. Aber mit den Tunneln geschah noch etwas anderes: Der Schmutz verschwand aus unserem Blickfeld und wurde zu einem Rätsel, das tief unter der Erde verborgen lag. Wir gewöhnten uns so sehr daran, dass wir fast vergaßen, dass es ihn überhaupt gibt. Und genau das führt uns zu einem ganz besonderen, stillen Raum, den heute jeder von uns bei sich zu Hause hat. Denn wenn der Schmutz draußen verschwindet, will man ihn natürlich auch drinnen nicht mehr sehen.

Das leiseste Zimmer im Haus

Nachdem wir nun wissen, dass unter unseren Füßen ein riesiges Labyrinth aus Tunneln verläuft, wollen wir mal schauen, wie es direkt bei uns zu Hause aussieht. Habt ihr euch schon einmal gefragt, warum das Badezimmer eigentlich der einzige Raum in der Wohnung ist, bei dem wir die Tür fast immer ganz fest zumachen und manchmal sogar absperren? Das war nämlich nicht immer so. In der Zeit, von der wir vorhin erzählt haben, gab es solche Zimmer gar nicht. Wenn die Menschen sich waschen wollten, brauchten sie eine große Wanne mitten in der Küche oder sie gingen zu einem öffentlichen Brunnen auf den Marktplatz. Das war oft ganz schön trubelig, laut und gar nicht privat. Jeder konnte jeden sehen. Dann aber passierte etwas sehr Spannendes. Die Menschen merkten, wie herrlich es ist, einen Ort ganz für sich allein zu haben. So wurde das Badezimmer erfunden. Es wurde zum leisesten Zimmer im ganzen Haus. Plötzlich gab es fließendes Wasser, das wie von Zauberhand aus einem glänzenden Hahn kam. Man musste kein Wasser mehr in schweren Eimern von draußen herbeischleppen. Und weil dieser neue Ort so besonders war, fingen die Leute an, ihn richtig gemütlich zu machen, mit schönen Fliesen, hellen Spiegeln und weichen Handtüchern. Aber da war noch etwas anderes, das sich veränderte. Weil man im Badezimmer oft keine Kleidung trägt, um sich zu waschen oder in der Wanne mit ganz viel Schaum zu planschen, entstand ein neues Gefühl. Wir nennen es heute Privatsphäre. Man wollte nicht mehr, dass jeder sieht, wie man sich die Nase putzt oder die Haare einseift. Die Badezimmertür wurde zu einer Art Zaubergrenze. Wenn die Tür zu ist, weiß jeder im Haus: Hier braucht gerade jemand einen Moment Ruhe für sich ganz allein. Das veränderte auch, wie wir miteinander sprechen. Früher war es ganz normal, laut über alles Mögliche zu reden. Doch nun wurden bestimmte Dinge zu kleinen, höflichen Geheimnissen. Wir lernten, leiser zu sprechen, wenn wir über das Badezimmer redeten. Es wurde zu einem Ort, über den man nicht laut auf dem Schulhof schreit, sondern den man einfach respektiert. Heute finden wir das völlig normal, aber damals war das eine riesige Erfindung für das Zusammenleben. Das Badezimmer schenkte uns nicht nur Sauberkeit und duftende Seife, sondern auch die Sicherheit, dass es einen Platz gibt, an dem man ganz man selbst sein kann. Es ist wie eine kleine, friedliche Insel in einer lauten Welt. Und wenn wir uns in unserem stillen Kämmerlein so richtig wohlfühlen, dann haben wir auch wieder viel mehr Energie, um draußen die große, weite Stadt zu entdecken. Denn dort draußen passierte durch die neue Sauberkeit auch etwas ganz Wunderbares. Durch die Ordnung unter der Erde und in unseren Häusern konnten oben auf den Straßen plötzlich prächtige Dinge entstehen, von denen die Menschen früher nur träumen konnten.

Prachtbauten und glänzende Fassaden

Stellt euch vor, ihr tretet aus eurer Haustür und atmet einmal ganz tief ein. Was riecht ihr? Vielleicht den Duft von frischen Brötchen vom Bäcker nebenan, den süßen Geruch von bunten Blumen im Blumenkasten oder einfach die frische Luft nach einem kleinen Regenschauer. Das klingt für uns heute ganz normal, oder? Aber das war es für die Menschen vor langer Zeit überhaupt nicht. In der Geschichte unserer Städte gab es einen ganz besonderen Moment, in dem sich alles veränderte. Es war der Augenblick, als der ganze Schmutz und das Abwasser in die geheimen Tunnel tief unter die Erde verbannt wurden. Stellt euch die Stadt nun wie ein Kind vor, das sich für ein großes Fest besonders fein gemacht hat. Weil es auf den Straßen keinen Matsch und keinen Gestank mehr gab, hatten die Menschen plötzlich eine ganz neue Idee davon, wie ihre Umgebung aussehen sollte. Sie wollten, dass alles glänzt und strahlt. Zuerst passierte etwas mit den Straßen selbst. Sie wurden viel, viel breiter als jemals zuvor. Früher waren die Wege eng, dunkel und oft ein wenig unheimlich, aber nun bauten die Menschen riesige Prachtstraßen, die wir heute Boulevards nennen. Stellt euch eine Straße vor, die so breit ist, dass man darauf tanzen oder mit einer riesigen Gruppe von Freunden nebeneinander herlaufen kann. An den Rändern pflanzten die Menschen lange Reihen von stolzen Bäumen. Im Sommer kitzelt das Sonnenlicht durch die vielen grünen Blätter und wirft tanzende Schatten auf den sauberen Steinboden. Und es gab noch mehr Platz für schöne Dinge. Überall in der Stadt entstanden plötzlich grüne Inseln, die wir heute als Parks kennen. Früher konnte man an diesen Stellen kaum spielen, aber nun wuchsen dort samtweiche Rasenflächen. Es entstanden bunte Beete mit Tulpen und Rosen und glitzernde Springbrunnen, in denen das Wasser lustig in der Sonne funkelt. Die Menschen merkten: Wenn es um uns herum sauber und ordentlich ist, fühlen wir uns viel glücklicher, freier und sicherer. Auch die Häuser veränderten sich. Die Baumeister verzierten die Wände mit schönen Mustern, kleinen Statuen und großen, hellen Fenstern, die das Licht einfingen. Die Stadt wurde zu einem Ort, auf den man richtig stolz sein konnte. Sauberkeit war nun nicht mehr nur eine praktische Sache, sondern etwas, das man allen zeigen wollte. Es war, als hätte die Stadt ihr Gesicht gewaschen und würde uns nun freundlich anlächeln. Aber während wir oben im Park spielen und die Sonne genießen, geht die geheime Reise unter unseren Füßen immer weiter. Wisst ihr eigentlich, wo all das Wasser am Ende landet, wenn es die Stadt verlässt? Davon erzähle ich euch im nächsten Teil.

Das Rätsel der verschwindenden Reise

Hast du dich schon mal gefragt, wohin das Wasser eigentlich verschwindet, wenn es im Abfluss deines Waschbeckens kreiselt? Es macht Gluck-Gluck-Gluck und weg ist es. In diesem Moment beginnt für das Wasser eine geheime und spannende Reise, die fast niemand sieht. Es saust durch die Rohre in deinem Haus, immer tiefer nach unten, bis es in den riesigen Tunneln landet, von denen wir vorhin erzählt haben. Vielleicht kannst du dir das wie eine geheime Untergrund-Bahn vorstellen, nur ohne Züge und ohne Fahrgäste mit Taschen. Stattdessen fließen dort kleine Bäche aus Seifenschaum und Regenwasser zusammen. Stell dir vor, du wärst so klein wie ein Wassertropfen. Du würdest wie auf einer riesigen Wasserrutsche durch die ganze Stadt sausen. Es ist dort unten dunkel, aber du bist nicht allein. Millionen anderer Tropfen sind bei dir. Gemeinsam reist ihr weit weg von den Häusern, den Spielplätzen und den Autos, bis ganz an den Rand der Stadt. Dort, wo die Stadt aufhört und die grünen Wiesen anfangen, steht ein ganz besonderer Ort. Man könnte ihn die große Waschmaschine der Stadt nennen. In dieser Anlage wird das Wasser wieder ganz sauber gemacht. Es fließt durch riesige, runde Becken und bekommt Hilfe von winzigen Lebewesen, die so klein sind, dass man sie gar nicht sehen kann. Diese kleinen Helfer essen alles auf, was nicht ins Wasser gehört. Am Ende der Reise ist das Wasser so klar und frisch, dass es wieder in den großen Fluss fließen darf. Dort freuen sich die Fische, die Frösche und die Enten darüber. Es ist eigentlich schade, dass wir diesen Weg so gut versteckt haben. Heute drücken wir einfach auf einen Knopf oder ziehen den Stöpsel und alles ist sofort weg. Das ist zwar sehr bequem und es sorgt dafür, dass es in unseren Städten wunderbar nach Blumen und frischer Luft riecht, aber wir vergessen dabei manchmal etwas Wichtiges. Wir vergessen, dass alles, was wir benutzen, irgendwo herkommt und auch irgendwo wieder hingeht. Die Stadt der verborgenen Wege zeigt uns, wie schlau die Menschen waren, um unsere Welt ordentlich und gesund zu machen. Aber vielleicht können wir beim nächsten Händewaschen kurz innehalten und dem Wasser leise Tschüss sagen. Wir wissen jetzt ja, welche weite Reise es vor sich hat und dass es am Ende wieder ein Teil der Natur wird. So sind wir alle mit den Flüssen und Meeren verbunden, auch wenn die Wege tief unter unseren Füßen verborgen liegen. Und wenn du heute Abend im Bett liegst, kannst du dir vorstellen, wie das Wasser leise unter der Straße wandert und die Stadt sauber hält, während du ganz ruhig und zufrieden schläfst. Alles ist an seinem Platz, und morgen beginnt der Kreislauf von Neuem.