Eine beruhigende Gute-Nacht-Geschichte über das kleine Chamäleon Carla, das sich auf die sanfte Suche nach dem verschwundenen Regenbogen begibt und dabei lernt, dass Geduld und Neugier die schönsten Farben hervorbringen.
Podcast auf toknow hörenStell dir vor, du liegst in einem weichen Blätterbett, und ringsum raschelt der Dschungel leise wie eine große, grüne Decke. Genau so beginnt heute unsere Geschichte, mitten im warmen grünen Dschungel, bei einem kleinen Chamäleon namens Carla. Es ist früher Morgen. Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln durchs Blätterdach, irgendwo zwitschert ein Vogel sein Lied, und ein laues Lüftchen streichelt über die Farne. Carla stretcht sich ganz langsam, erst die Vorderbeinchen, dann die Hinterbeinchen. Dann rollt sie mit den Augen, das können Chamäleons nämlich besonders gut, jedes Auge in eine andere Richtung. Ihre Haut ist sanft geschimmert, hellgrün wie die jungen Blätter um sie herum. So gut passt sie zum Dschungel, dass man sie kaum entdecken kann. Wie jeden Morgen hat Carla jetzt eine wichtige Aufgabe. Sie klettert auf ihren Lieblingsast, den höchsten weit und breit, hebt das Köpfchen und schaut zum Himmel hinauf. Denn dort, zwischen den Wolken, wohnt ihr allerbester Freund: der Regenbogen. Jeden Morgen grüßt Carla ihn, solange er noch da ist, bevor die Sonne ihn sanft zum Verschwinden bringt. Aber heute ist alles anders. Carla schaut. Und schaut noch einmal. Der Himmel ist grau. Ganz grau, wie ein weiches graues Tuch. Kein Rot, kein Gelb, kein Blau. Nur Wolken, die still dastehen, und eine Luft, die ganz ruhig ist. Es ist, als hätte der ganze Dschungel einen Moment lang die Luft angehalten. Wo bist du denn, fragt Carla leise. Vielleicht schläft der Regenbogen noch? Sie wartet. Und wartet. Aber der Himmel bleibt grau und still. Da spürt Carla ein kleines Kribbeln im Bauch. Neugier. Kennst du das? Wenn du etwas nicht verstehst und ganz genau wissen möchtest, was los ist? Genau so ein Kribbeln ist das. Carla denkt nach. Der Regenbogen ist nirgends zu sehen. Hat er sich versteckt? Braucht er Hilfe? Oder ist er einfach auf Reisen gegangen? Carla ist nicht ängstlich. Sie ist neugierig. Und so flüstert sie in den Morgen hinein: Ich finde dich, Regenbogen. Egal, wo du bist. Vorsichtig klettert sie vom Ast hinab auf den moosigen Waldboden. Ihre kleinen Füßchen greifen Schritt für Schritt, links, rechts, links, rechts. Über ihr rauscht das Blätterdach, und irgendwo glitzert ein Tautropfen auf einer Blüte. Carla schnuppert in die feuchte Luft. Der Dschungel ist groß, und Carla ist klein. Aber ihre Neugier ist noch viel größer. Und wer weiß, vielleicht wissen ja ihre Freunde im Dschungel mehr. Zum Beispiel die alte, weise Schildkröte Opa Tino. Carlas Suche kann beginnen.
Der Himmel über dem Dschungel war noch immer grau und still. Aber Carla ließ sich davon nicht aufhalten. Der Regenbogen musste ja irgendwo sein! Dafür brauchte sie Hilfe. Sie brauchte ihre Freunde. Zuerst ging sie zu Opa Tino, der alten, weisen Schildkröte. Er saß auf seinem warmen Stein und genoss die Vormittagssonne. "Opa Tino", rief Carla, "der Regenbogen ist weg! Der ganze Himmel ist grau!" Opa Tino blinzelte gemächlich. "Weg ist er nicht, kleine Carla", sagte er. "Farben gehen nie ganz verloren. Manchmal machen sie nur ein Nickerchen." "Ein Nickerchen?" fragte Carla. "Wo schlafen denn Farben?" "Schau genau hin", lächelte Opa Tino, "dann findest du sie." Das war nicht viel, dachte Carla. Aber es war ein Anfang. Weiter ging es zum großen Feigenbaum, wo Pip wohnte, das bunte Papageienmädchen. Pip putzte auf ihrem Ast ihre roten, gelben und blauen Federn. "Pip, du bist so bunt!" rief Carla. "Hast du den Regenbogen gesehen?" "Ich bin heute früh durch die Wolken geflogen", zwitscherte Pip. "Und weißt du, was ich gesehen habe? Hinter dem Grau schlummern ganz viele Farben. Sie warten nur darauf, dass die Sonne sie leise weckt." Doch schon flog Pip weiter, hoch hinauf in den Himmel. Am Teich saß Quax, der gemütliche Frosch, auf seinem Lieblingsblatt. "Quax", fragte Carla, "hast du den Regenbogen gesehen?" Quax quakte zufrieden. "Ich suche gar nichts. Ich sitze nur und warte. Regen mag ich nämlich sehr. Er wäscht den Himmel sauber und füllt meinen Teich. Und weißt du was? Ohne Regen gibt es keinen Regenbogen. Erst kommt der Regen, dann kommen die Farben." Carla machte große Augen. Erst der Regen, dann die Farben! Drei Freunde, drei kleine Hinweise. Hast du sie mitgezählt? Farben machen ein Nickerchen. Farben schlummern hinter den Wolken. Und der Regen wäscht den Himmel. Carla setzte sich auf einen Stein und dachte nach. Der Regenbogen war also gar nicht verschwunden. Er schlief nur irgendwo hinter dem Grau und wartete auf die Sonne. Aber wann kam die Sonne wieder? Das konnte ihr niemand sagen. Da kitzelte ein feiner Wind an Carlas Wange. Er roch frisch und ein wenig feucht, ganz so, wie es riecht, kurz bevor Tropfen vom Himmel fallen. Vielleicht, dachte Carla, brauche ich gar nicht mehr lange zu suchen. Vielleicht muss ich nur genau hinschauen und ein bisschen warten. Und schon kribbelte die Neugier in ihrem Bauch wie kleine Regenperlen. Mit großen, hellen Augen machte sich Carla auf den Weg, mitten hinein in ihren grünen, geheimnisvollen Dschungel.
Carla schaute noch einmal zum grauen Himmel hinauf. Aber sie war neugierig, und neugierige Chamäleons geben nicht so schnell auf. Sie kroch langsam weiter durch das grüne Dickicht und schaute sich alles ganz genau an. Da glitzerte auf einem Blatt ein kleiner Tautropfen. Er sah aus wie eine winzige Glaskugel. Doch als Carla ihren Kopf ein bisschen drehte, fing der Tropfen an zu funkeln. Erst grün, dann golden, dann ein zartes Hellblau. Carla wollte den Funken fast berühren, doch er tanzte einfach weiter auf ihrem Blatt. Weißt du, manchmal verstecken sich Farben in ganz kleinen Dingen. Sie lief weiter und entdeckte eine Blüte, die noch fest geschlossen war. Sie war weiß und rosa zugleich, wie Zucker und Himbeere. Und auf einem Blatt nebenan saß ein Schmetterling. Wenn er die Flügel bewegte, schimmerten sie mal lila, mal smaragdgrün, mal wie Regenwasser in der Sonne. Als trüge er den Himmel auf seinen Flügeln. Wo versteckt ihr euch bloß, flüsterte Carla. Eigentlich seid ihr ja überall. Da hörte sie ein gemütliches Räuspern. Die alte Schildkröte Opa Tino saß auf seinem Lieblingsstein und nickte ihr zu. Du bist auf der richtigen Spur, Kleine, sagte er. Farben schlummern fast überall. Aber die allerletzten Farben brauchen Zeit. Zeit, fragte Carla. Ja, sagte Opa Tino. Schau dort drüben. Die Blüte ist noch geschlossen. Wenn du wartest, wirst du sehen, wie sie sich ganz langsam öffnet. Farbe, die wächst, ist die schönste Farbe von allen. Carla setzte sich neben Opa Tino. Sie wartete. Eine Weile geschah gar nichts. Das war gar nicht so einfach, denn ihre Schwanzspitze kitzelte vor Ungeduld. Aber Opa Tino atmete ganz langsam und ruhig, und Carla atmete einfach mit. Ein und aus. Ein und aus. Die Sonne steckte hinter den Wolken, und die Luft war warm und weich. Und dann, ganz allmählich, öffnete sich die Blüte ein kleines Stückchen. Ein zarter rosa Zipfel streckte sich in die Luft, als würde er guten Morgen sagen. Carla lächelte. Das Warten hatte sich gelohnt. Weißt du, sagte Opa Tino, manchmal kommt das, wonach wir suchen, von selbst. Man muss nur geduldig und aufmerksam bleiben. Und wenn heute etwas Besonderes geschieht, dann ist es bestimmt wunderschön. Carla legte sich neben Opa Tino auf den warmen Stein. Die Luft wurde ein bisschen feuchter und roch nach Erde und grünen Blättern. Carla schaute in den Himmel und wartete, was kommen würde. Und irgendwo weit über den Bäumen sammelten sich leise die ersten Wolken.
Am Nachmittag passiert etwas Schönes: Es beginnt ganz leise zu regnen. Erst kommen nur ein paar winzige Tropfen, so klein, dass Carla sie fast nicht bemerkt. Sie fallen auf die Blätter und machen: pling, pling, pling. Ganz sanft, wie eine kleine Melodie. Carla schaut nach oben und lächelt. „Da bist du ja, Regen", flüstert sie. Denn sie erinnert sich genau an das, was Opa Tino ihr erzählt hat: Nach dem Regen kommt etwas Wunderbares. Als die Tropfen dichter fallen, sucht sich Carla ein gemütliches Plätzchen. Unter einem großen Bananenblatt ist es trocken und warm. Das Blatt ist so breit wie ein kleines Dach, und die Tropfen rutschen an seinen Rändern herab, einer nach dem anderen. Ein paar Spritzer kitzeln Carla an der Nase, und sie muss ganz leise kichern. Dann rollt sie sich zusammen, kuschelt ihr Schwänzchen um sich und lauscht. Weißt du, wie sich Regen anhört, wenn man ganz still ist und nur zuhört? Die Tropfen fallen aufs Bananenblatt, auf die Farnwedel, auf den weichen Waldboden. Jedes Blatt klingt ein bisschen anders. Es ist, als würde der ganze Dschungel ein leises Lied singen, nur für Carla. Sie schließt die Augen und atmet tief ein. Der Regen riecht frisch und grün, wie Erde und Blüten. Und mitten in dieser stillen Stunde spürt Carla, wie ihre Neugier wieder ein bisschen wächst. Langsam, wie eine Knospe, die sich ganz allmählich öffnet. Vielleicht, denkt Carla, braucht der Himmel einfach eine kleine Pause. So wie sie manchmal ein Nickerchen macht. Was wird kommen, wenn der Regen zu Ende ist? Wird der Himmel dann wieder Farben zeigen? Sie denkt an Opa Tino und seine ruhige Stimme: Die schönsten Farben brauchen Zeit. Sie denkt an den Tau, der im Morgenlicht glitzerte, an die Blüten, die sich langsam öffneten, an den Schmetterlingsflügel, der erst schimmerte, als die Sonne ihn berührte. Überall, wo sie suchte, hatte sie Geduld gebraucht. Und jetzt braucht der Regenbogen sie auch. „Ich warte gern", sagt Carla leise zu sich selbst. Und das stimmt sogar. Denn das Warten fühlt sich heute gar nicht langweilig an. Es fühlt sich an wie eine Schatzsuche, bei der man ganz genau weiß: Der Schatz ist gleich da. Dann kuschelt sie sich noch ein Stück tiefer unter ihrem Blätterdach, lauscht dem tröpfelnden Wasser und lächelt in sich hinein. Und so sitzt das kleine Chamäleon da, ganz ruhig, mitten im sanften Regen. Irgendwo hinter den grauen Wolken macht sich der Regenbogen vielleicht schon bereit.
Und dann geschah es. Ein goldener Lichtstreif schlüpfte zwischen den Wolken hindurch. Die Sonne kam hervor, erst ganz schüchtern, dann immer mutiger. Carla öffnete die Augen weit und spitzte die Ohren. Da, hoch über den Baumkronen, leuchtete etwas. Erst nur ganz zart, wie ein Hauch von Farbe. Dann wurde es immer kräftiger. Rot, orange, gelb, grün, blau, violett. Der Regenbogen breitete sich über den ganzen Dschungel, so groß und prächtig, dass Carla einfach nur staunte. „Du warst also die ganze Zeit da", flüsterte sie. „Du hast nur gewartet, bis du fertig warst." Pip flatterte herab vom Papageienbaum, und Quax hüpfte fröhlich durch die Pfützen. Opa Tino nickte langsam, wie er das immer tat. „Siehst du, Kleine", sagte er, „nach dem Regen kommt das Schönste. Man muss nur geduldig bleiben und dran glauben." Und dann geschah noch etwas. Carla sah auf ihre eigene Haut und hielt den Atem an. Ihre Punkte glänzten, ihr Rücken schimmerte. Sie färbte sich, ganz langsam, Stück für Stück: ein Hauch von Rot, ein Streifen Gold, ein Schimmer von Blau. So schön hatte sie noch nie geleuchtet. Fast wie ein kleiner Regenbogen auf vier zarten Beinen. „Oh", sagte Carla und betrachtete sich im Wasser einer Blattspitze. „Ich glaube, die Farben sind auch in mir wach geworden." Der Abend kam leise. Über dem Himmel wurden die Farben weicher und wärmer. Das erste Glühwürmchen flog vorbei und leuchtete auf, dann ein zweites, dann noch eins, bis hundert kleine Lichter zwischen den Blättern tanzten wie fliegende Sterne. Carla kuschelte sich in ihr Blätterbett und machte es sich richtig gemütlich. Der Dschungel roch nach Regen und Blüten, und irgendwo plätscherte ein letzter Tropfen von Blatt zu Blatt. Sie dachte an ihren Tag: an die Tautropfen, in denen sich der Regenbogen versteckt hatte, an die Blüten, die Zeit brauchten, und an den Regen, der so leise getropft hatte. Während ihre Augen langsam schwerer wurden, flüsterte sie: „Ich frage mich, welche Farben der Himmel morgen bereithält. Vielleicht welche, die es noch gar nicht gibt!" Sie gähnte klein und zufrieden. Vielleicht, dachte sie, muss man morgen einfach wieder ganz genau hinsehen. Oder ganz lange warten. Oder einfach nur neugierig bleiben. Ein Glühwürmchen setzte sich ganz kurz auf ihr Blätterbett, leuchtete wie ein winziger Stern und flog dann weiter hinein in die Nacht. Und vielleicht schaust auch du morgen früh einmal aus deinem Fenster: Was für Farben hat wohl dein Himmel für dich versteckt? Gute Nacht, kleine Carla. Gute Nacht, du.