Eine warme, ruhige Gute-Nacht-Geschichte über das Otterkind Otti, das mit seinen Geschwistern den perfekten Schlafplatz im Fluss sucht und dabei entdeckt, warum Otter beim Schlafen Händchen halten.
Podcast auf toknow hörenSchön, dass du da bist. Kuschel dich tief in deine Decke und mach es dir richtig gemütlich. Heute gehen wir zusammen an einen Fluss, irgendwo weit draußen, zwischen grünen Wiesen und alten Weidenbäumen. Die Sonne sinkt langsam hinter die Weiden. Ihr letztes Licht liegt wie ein goldenes Band auf dem Wasser. Der ganze Fluss glitzert und funkelt. Die langen Zweige der Weiden hängen bis zum Wasser hinunter, als wollten sie dem Fluss schon einmal leise gute Nacht flüstern. Aber mitten auf dem goldenen Wasser ist noch jemand ganz munter. Das Otterkind Otti tollt mit seinen Geschwistern Lotta und Mio durch den Fluss. Otter sind nämlich wunderbare Schwimmer. Ihr schlanker Körper flutscht durchs Wasser wie ein Fisch, und der kräftige Schwanz hilft ihnen beim Lenken. Und weißt du, was Otter am allerliebsten machen? Spielen! Viele Otter werden sogar erst dann richtig munter, wenn es dämmert. Während andere Tiere längst ins Bett gehen, beginnt für die Otterkinder oft die schönste Spielzeit des Tages. „Ich bin schneller!", ruft Otti und saust die glitschige Uferböschung hinunter. Plitsch, platsch! Hinterher rutscht Mio, und dann Lotta, die so sehr kichert, dass ihr der Bauch wehtut vor Lachen. Otterkinder rutschen das Ufer wirklich gern hinunter, so wie du vielleicht gern rutschen gehst, nur dass bei ihnen am Ende immer ein Riesenplanscher wartet. Danach machen sie einen Wettstreit: Wer schafft es am längsten unter Wasser? Kullerbläschen steigen auf. Otti taucht prustend wieder auf, schnäuft sich einmal kräftig durch die Nase und schüttelt sich, dass die Tropfen nur so fliegen. „Bald schwimmen wir besser als der ganze Rest des Flusses!", ruft er stolz. Da ertönt vom Ufer eine sanfte Stimme. „Kinder!" Auf einem warmen Stein am Wasserrand sitzt Mama und schaut zu ihnen herüber. „Seht nur, wie tief die Sonne schon steht. Gleich kommen die Sterne hinter den Weiden hervor. Es wird Zeit, dass wir uns einen gemütlichen Schlafplatz suchen." Lotta gähnt schon ein kleines bisschen. Mio streckt sich. Aber Otti schaut fragend über das glitzernde Wasser. „Einen Schlafplatz? Aber wo schlafen Otter denn am besten? Auf einer Sandbank? Zwischen den Seerosen? Oder vielleicht einfach mitten im Wasser?" Mama lächelt warm. „Genau das finden wir jetzt gemeinsam heraus. Kommt, meine Kleinen. Der Abend hat noch ein Geheimnis für euch." Und während rundherum die Grillen ihr leises Abendlied singen, paddeln die drei Geschwister zu Mama hinüber, ganz gespannt auf das, was sie nun erwartet. Ob sie wohl den perfekten Platz zum Träumen finden? Hör gut zu.
„Alles klar!", ruft Otti. „Dann suchen wir eben selbst!" Und schon tapsen die drei Otterkinder zu einer Sandbank, die noch ganz warm ist von der Abendsonne. „Hier ist es wie in einem goldenen Bett", kichert Lotta und gräbt mit ihren Pfoten eine kleine Mulde. „Und ich grabe mich ganz tief ein!", ruft Mio und wirbelt so viel Sand in die Luft, dass er selbst niesen muss. Otti legt sich mitten dazwischen, rollt sich ein und seufzt zufrieden. Der Sand ist weich und warm und knirscht ein bisschen unter seinem Bauch. Aber dann, plitsch, platsch, kommt der Fluss näher und knabbert ganz leise am Rand der Sandbank. Ein kleines Rinnsal schleicht sich an, die Mulde wird feucht, und feiner Sand rieselt Otti über den Schwanz wie Kuchenstreusel. „Huch! Das kitzelt!", ruft Otti und springt auf. Da rieselt noch mehr Sand ins Wasser, und das gemütliche Sandbett wird immer kleiner. Mama Otter schwimmt heran und lacht. „Eine Sandbank ist wunderbar zum Spielen", sagt sie, „aber zum Schlafen suchen wir Otter lieber einen Platz am oder im Wasser." „Im Wasser?", staunt Otti. „Aber dann werden wir doch pitzekalt und pitschnass!" „Schau dir mal deine Pfote an", sagt Mama. Otti schaut genau hin. Und was sieht er? Auf jedem einzelnen Haar glitzern winzige Wassertropfen, aber seine Haut darunter ist ganz trocken. „Dein Fell ist ein doppeltes Geschenk", erklärt Mama. „Außen hast du lange, glatte Haare, ganz wie ein Regenmantel. Da perlt das Wasser einfach ab. Und darunter sitzt ein dichtes, weiches Wollfell, wie ein warmer Pullover. Das ist so dicht, dass auf einer Stelle, so klein wie dein Daumennagel, mehr Haare wachsen, als du auf dem ganzen Kopf hast." „Mehr als auf dem ganzen Kopf?", flüstert Mio beeindruckt. „Genau", nickt Mama. „Weil wir Otter keine dicke Speckschicht haben wie die Seehunde, hält uns unser Fell warm. Zwischen den feinen Härchen bleibt nämlich eine Luftschicht stecken, wie eine unsichtbare, kuschlige Decke. So bleibt unsere Haut trocken und warm, auch im kühlen Fluss." Otti schüttelt sich kräftig, und siehe da: Sein Fell ist schon wieder fast trocken. „Unser Fell ist also perfekt fürs Wasser", sagt Lotta nachdenklich. „Dann sollten wir unser Bett vielleicht auch dort suchen." In diesem Moment glitzert drüben etwas Grünes auf dem Fluss. Große, runde Blätter schaukeln sanft auf dem Wasser, es sieht aus wie ein grünes Bett. Aber ob es dort wirklich gemütlich ist? Das erfährst du gleich.
Die Sandbank rieselte noch ein bisschen hinter ihnen, da schwammen Otti, Lotta und Mio schon ein Stück flussabwärts. Und da entdeckte Lotta etwas. Schaut mal, rief sie leise, da drüben! Zwischen zwei Weiden lag eine Stelle voller Seerosen. Große, runde, grüne Blätter schwammen auf dem Wasser, dicht an dicht, wie kleine Teller. Und dazwischen öffneten sich weiße und rosa Blüten, die ganz zart und süß dufteten. Das sieht ja aus wie ein Bett, staunte Mio. Ein grünes Wasserbett! Die drei ließen sich vorsichtig zwischen die Blätter plumpsen. Aber oh je. Kaum lagen sie, fing das Wasser an zu plätschern. Plitsch, platsch. Ein kleines Wellchen tupfte Otti an die Pfote. Dann eins an den Bauch. Dann schwappte ein ganz kalter Tropfen Lotta direkt auf die Nase, und sie musste niesen. Atschi! Es zwickt ja, kicherte Otti und zog die Pfoten hoch. Die Seerosenblätter wippten und wackelten, und immer wieder rutschte einer von ihnen ins kühle Wasser. Warm war es hier jedenfalls nicht. Zum richtigen Schlafen war das grüne Bett wohl doch nicht gemacht. Aber zum Spielen? Dafür war es perfekt. Mio nahm Anlauf und – plumps! – tauchte unter. Unter Wasser wurde alles still und grün. Kleine Bläschen stiegen auf und glitzerten wie silberne Perlen. Und als Mio wieder auftauchte, strahlte er. Du, Otti, rief er, weißt du was? Meine Nase und meine Ohren haben sich ganz von allein fest zugemacht, als ich unten war! Mama, die in der Nähe gemütlich paddelte, nickte. Genau so ist es, sagte sie sanft. Wir Otter können unter Wasser unsere Nasenlöcher und Ohren fest verschließen. So kommt kein Tropfen hinein, und wir können lange tauchen, ohne dass es kitzelt oder zwickt. Ausprobiert, ausprobiert! Otti hielt die Luft an, tauchte unter – blubb – und spürte es sofort: Seine kleine Nase machte dicht, und seine Ohren auch. Alles blieb schön trocken drin. Er schaute sich um, sah Lottas paddelnde Füßchen über sich und tauchte pustend wieder auf. Das ist ja wie ein Geheimknopf am eigenen Körper, rief er begeistert. Noch einmal! Und noch einmal! Die drei tauchten und planschten, bis das Wasser zwischen den Seerosen nur so spritzte und gluckste. Aber nach einer Weile wurde Ottis Schnauze ganz schwer. Er gähnte. Lotta gähnte. Und Mio gähnte am lautesten. Planschen macht müde, murmelte er und blinzelte in den Abendhimmel. Nur, sagte Otti leise und kuschelte sich an Lottas Fell, schlafen können wir hier trotzdem nicht. Wo schlafen Otter denn eigentlich am allerbesten, Mama? Mama lächelte. Und jetzt machte ihre Stimme ein ganz besonderes, warmes Lächeln.
Nach all dem Probieren und Planschen waren die drei Otterkinder nun doch ein bisschen müde geworden. Otti gähnte so weit, dass man seine kleinen Zähne sehen konnte. Lotta rieb sich die Augen mit den Pfoten, und Mio lehnte sich schon fast schlafend an einen warmen Stein. "Mama", fragte Otti leise, "die Sandbank war zu rieselig, und bei den Seerosen war es zu zwickig. Wo schlafen Otter denn nun am allerbesten?" Mama lächelte warm. "Kommt her zu mir, meine Kleinen", sagte sie. "Dann verrate ich euch das schönste Geheimnis der Otter." Die drei kuschelten sich an Mamas weiches Fell. Der Mond stand jetzt hoch am Himmel und malte silberne Wellen auf das dunkle Wasser. "Otter schlafen am liebsten auf dem Wasser", begann Mama. "Mitten auf dem Fluss, wo sie weich treiben können, wie auf einem schaukelnden Bett." "Aber Mama", piepste Lotta müde, "treiben wir dann nicht alle auseinander? Der Fluss fließt doch!" "Genau deshalb", sagte Mama, und ihre Augen glänzten im Mondlicht, "halten wir Otter beim Schlafen Händchen. Pfote in Pfote, ganz fest und liebevoll. So treibt keiner allein davon, und alle bleiben die ganze Nacht zusammen." Mio machte die Augen groß. "Wirklich? Die ganze Nacht?" "Die ganze Nacht", nickte Mama. "Otterfamilien machen das überall auf der Welt. Sie schwimmen dicht nebeneinander, jeder fasst den anderen an der Pfote, und dann treiben sie gemeinsam über das Wasser. Manche Otter wickeln sich sogar in lange, weiche Wasserpflanzen ein, wie in eine grüne Decke, damit sie ganz sicher an einem schönen Platz bleiben. Aber das Allerwichtigste ist immer das Händchenhalten." Otti schaute auf seine kleine Pfote. Dann schaute er zu Lotta und zu Mio. "Das heißt", sagte er langsam, "wenn wir uns festhalten, kann uns gar nichts passieren?" "Ganz genau", sagte Mama. "Zusammen ist man stärker als jede Strömung. Und viel wärmer ist es auch." Lotta gähnte noch einmal, aber diesmal war es ein glückliches Gähnen. "Ich finde, das ist das schönste Geheimnis der ganzen Welt", flüsterte sie. "Dann folgt mir", sagte Mama sanft. "Ich habe schon eine Stelle gefunden, wo der Fluss ganz ruhig fließt und das Wassergras weich ist wie ein Kissen." Die drei Otterkinder schwammen Mama hinterher, durchs silberne Mondlicht. Otti spürte, wie seine Augen immer schwerer wurden. Gleich würde er Lottas Pfote in seiner halten und Mios auf der anderen Seite. Und der Fluss würde sie alle gemeinsam wiegen, leise und sanft, wie ein großes, glitzerndes Wiegenlied.
Endlich, endlich hatten die vier den allerschönsten Platz im ganzen Fluss gefunden. Mitten im Wasser, da wo die Strömung nur noch ganz leise zieht, wogte ein weiches Bett aus grünem Wassergras. Es schaukelte sanft hin und her, wie eine Wiege. "Das ist unser Platz", flüsterte Mama. "Hier tragen uns die Wellen, und keiner muss fürchten, dass er wegtreibt." Otti kuschelte sich auf die eine Seite von Mama, Lotta auf die andere, und Mio legte sich dicht neben Lotta. Eng an eng lagen sie da, Rücken an Rücken, Bauch an Bauch. Das Wasser gluckste leise um sie herum, aber ihr dichtes Fell hielt sie mollig warm. "Dann halten wir jetzt mal Händchen", sagte Mama und lächelte. Otti legte seine kleine Pfote in Mamas weiche Pfote. Lotta griff nach seiner anderen Pfote, und Mio hielt Lotta fest. Mio musste ein bisschen kichern, weil Lottas Pfote ihn kitzelte, doch dann legte sich die Stille über den Fluss wie eine warme Decke. So schwammen sie da, eine ganze Otterfamilie, Pfote in Pfote, und Otti fühlte sich so geborgen wie noch nie. "Mama", fragte er ganz leise, "warum fühlt sich das so gut an?" "Weil Halten das Schönste ist, was man tun kann", flüsterte Mama. "Wer sich festhält, geht nicht verloren. Und wer sich festhält, schläft doppelt gut." Über ihnen wurden die ersten Sterne wach. Einer nach dem anderen schob er sich aus dem Dunkel, bis der ganze Himmel funkelte. Der Mond stand rund und golden über den Weiden, und sein Licht tanzte auf dem Wasser wie lauter kleine Fische aus Silber. Eine Nachtigall sang irgendwo am Ufer ihr letztes Lied für heute. Die Seerosen schlossen langsam ihre Blüten. "Auch sie machen sich bettfertig", dachte Otti und musste gähnen, ein großes, wunderbares Ottergähnen. "Mama", murmelte er, "halten wir uns auch fest, wenn wir träumen?" "Immer", flüsterte Mama. "Pfote in Pfote, die ganze Nacht. Und morgen früh wachen wir noch genau so auf." Ottis Augen wurden schwer und schwerer. Das Wassergras schaukelte ihn, der Mond blinzelte ihm zu, und der Fluss sang sein leises Plätscherlied. Und kurz bevor er richtig einschlief, hörte Otti noch, wie der Fluss etwas Flüsterndes versprach: Schlaf gut, kleiner Otter. Denn morgen warten schon neue Abenteuer auf dich. Was wohl für Abenteuer, dachte Otti noch. Vielleicht findet er morgen einen Schatz am Flussgrund. Vielleicht einen neuen Freund. Vielleicht... Doch da war er schon fast eingeschlafen, mitten im Flüstern des Flusses, mitten zwischen seinen Lieben, Pfote in Pfote. Und irgendwo zwischen dem letzten Sternenfunkeln und dem ersten Traum wartete das Morgen schon geduldig darauf, endlich zu beginnen.