Die kleine Nachtigall Nele sucht ihr verlorenes Schlaflied im Abendwald und trifft dabei viele freundliche Tiere, die am Ende gemeinsam mit ihr müde werden.
Podcast auf toknow hörenSchließ ganz sanft deine Augen und mach es dir gemütlich. Ich erzähle dir jetzt eine Geschichte aus dem Abendwald. Stell dir vor: Die Sonne ist müde geworden. Den ganzen Tag hat sie auf die Bäume geschienen, und jetzt sinkt sie langsam, ganz langsam, hinter die weichen Hügel. Dabei malt sie den Himmel in warmen Farben – ein bisschen golden wie Honig, ein bisschen rosa wie Erdbeeren. Im Wald wird es still. Die Blätter flüstern nur noch ganz leise, als wollten sie niemanden stören. Die Blumen klappen ihre bunten Blüten zu, wie kleine Regenschirme, die man zupackt. Und hoch am Himmel steigt der Mond auf – rund und freundlich, wie eine große silberne Lampe. Er passt auf den Wald auf, die ganze Nacht. Mitten in diesem Wald, in einer alten, kuscheligen Linde, wohnt die kleine Nachtigall Nele. Nele ist ein zarter Vogel mit weichen braunen Federn und einem Herzen voller Musik. Jeden Abend, wenn der Mond aufsteigt, singt sie ihr Schlaflied. Dann wird es überall noch ein bisschen ruhiger: Die Hasen legen die langen Ohren an, die Rehkitze kuscheln sich an ihre Mütter, und sogar die Bäume scheinen leiser zu atmen. Neles Lied ist das Schönste, was der Wald kennt – sanft wie eine Feder und warm wie eine Decke. Auch heute Abend setzt sich Nele auf ihren Lieblingsast. Sie atmet tief ein, richtet ihr Brustfederchen auf und macht den Schnabel weit auf ... Aber dann – nichts. Kein Ton. Keine Melodie. Nur ein kleines, verwirrtes Piepsen. Nele blinzelt. Sie versucht es noch einmal. Sie räuspert sich, ganz vorsichtig. Sie denkt ganz fest an ihr Lied. Aber es ist und bleibt weg. Fast so, als hätte der Abendwind es mitgenommen, während sie geschlafen hat. „Oh je", flüstert Nele und schaut unter ihre Flügel. Vielleicht hat sich die Melodie dort versteckt? Nein. Sie schaut hinter ein Blatt. Auch nicht. Sie schaut sogar in ihre leere Nestmulde. Nichts als ein paar flauschige Federn. Kann ein Lied denn einfach verschwinden? Nele wird ein bisschen traurig – aber wirklich nur ein kleines bisschen. Denn sie weiß: Der Wald ist voller freundlicher Tiere, und wer sucht, der findet. Sie stupst ihre Federn zurecht und schaut zum Mond hinauf. Der zwinkert ihr zu. So kommt es ihr jedenfalls vor. „Keine Sorge, kleines Lied", sagt Nele leise. „Ich finde dich schon." Dann hebt sie sich in die blaue, samtige Abendluft – auf in die Suche. Ihr erster Weg führt sie zu einem Baum, in dem jemand ganz Weises wohnt. Mit wem Nele dort spricht und was sie erfährt – das hörst du gleich.
Und weißt du, was Nele tat? Sie breitete ihre kleinen braunen Flügel aus und flatterte los, hinein in den leisen Abendwald. Unter ihr schimmerte alles sanft im Mondlicht. Die Bäume rauschten ganz leise, so als wollten sie Nele Mut zuflüstern: Keine Sorge, kleine Nachtigall, du findest dein Lied schon wieder. Nele kannte den Weg gut. Sie flog an der hohen Birke vorbei, über den kleinen Farnhügel, bis sie zur alten Linde kam. Dort, hoch oben im dicken Stamm, war eine runde Baumhöhle. Und in dieser Baumhöhle wohnte Frau Eule Edda, die klügste Eule im ganzen Wald. Nele landete vorsichtig auf dem Ast vor der Höhle und klopfte mit ihrem Schnabel sachte an die Rinde. Poch, poch. „Wer flattert denn da so spät?", ertönte eine warme, samtige Stimme. „Ich bin's, Nele", piepste die kleine Nachtigall. „Darf ich hereinkommen?" „Natürlich, mein Kind, komm nur herein." In Eddas Höhle war es wunderbar kuschelig. Weiches Moos lag auf dem Boden, und Edda saß auf ihrem Federkissen. Vor ihr dampfte eine Tasse warmer Kräutertee, der nach Kamille duftete. Eddas große, runde Augen blinzelten freundlich im Licht ihrer kleinen Glühwürmchen-Lampe. „Was beschäftigt dich denn, Nele?", fragte Edda und legte den Kopf ein bisschen schief. Nele holte tief Luft. „Ich wollte mein Schlaflied singen, aber es ist weg! Die ganze Melodie ist einfach verschwunden." Edda nickte langsam und bedächtig. „Hmm, hmm. Ein verlorenes Lied." Sie strich sich mit dem Flügel über die weiche Brust und dachte einen Moment nach. „Das habe ich leider nicht gesehen. Aber weißt du was, Nele? Lieder sind leicht wie Federn. Sie fliegen hierhin und dorthin, und manchmal landen sie an den merkwürdigsten Orten." Nele horchte auf. „Weißt du, wo ich suchen könnte?" Edda lächelte mit ihren großen Augen. „Unter der alten Eiche wohnt die Igel-Familie. Die Igel sammeln auf ihren Abendspaziergängen manchmal schöne Dinge. Weiche Blätter, süße Beeren, glänzende Steinchen. Vielleicht hat dein Lied sich ja zu ihnen verirrt." „Danke, Frau Edda!", rief Nele fröhlich und machte einen kleinen Freudenhüpfer auf dem weichen Moos. „Viel Glück, kleine Nachtigall", sagte Edda herzlich und nippte noch einmal an ihrem Tee. Dann flog Nele hinaus in die milde Nacht. Der Mond schien ihr den Weg zur alten Eiche zu leuchten, und zum ersten Mal an diesem Abend hatte sie wieder Hoffnung im Herzen. Vielleicht wussten die Igel ja, wo ihr Schlaflied steckte.
Nele flattert durch den Abendwald, bis sie die große alte Eiche erreicht, von der Frau Eule Edda erzählt hat. „Hallo? Ist da jemand?", ruft sie leise. Da raschelt es zwischen den dicken Wurzeln – und heraus kommt die Igel-Familie: Mama Igel, Papa Igel und drei kleine Igelkinder mit weichen, runden Stacheln, die aussehen wie kleine Kissen. „Guten Abend, kleine Nachtigall", sagt Mama Igel freundlich. Nele erzählt von ihrem verlorenen Schlaflied. „Frau Eule Edda meinte, ihr sammelt manchmal schöne Dinge. Habt ihr vielleicht eine Melodie gefunden?" „Schöne Dinge sammeln wir gern", sagt Papa Igel und zeigt stolz seinen Schatz. „Schau nur!" Und was sieht Nele da? Weiche, goldene Blätter, die so sanft sind wie Federdecken. Ein Hauch von frischem Moos. Und einen glänzenden Kastanienball, der in der Dämmerung schimmert wie eine kleine braune Sonne. „Wie hübsch", sagt Nele. „Aber mein Lied ist das leider nicht." Da helfen alle mit. Die drei Igelkinder schnüffeln mit ihren kleinen schwarzen Nasen unter jedem Blatt. Schnupper, schnupper. Papa Igel dreht die Kastanie vorsichtig hin und her – aber sie klingelt nicht, sie summt nicht, sie singt nicht. Hier ist kein Schlaflied zu finden. Nur weiche Blätter, die leise rascheln, wenn man sich hineinkuschelt. „Hmm", macht das kleinste Igelkind und gähnt so herzhaft, dass auch Nele ein bisschen müde wird. „Vielleicht ist dein Lied einfach nur sehr, sehr gut im Verstecken." Plötzlich raschelt es über ihren Köpfen. Ritsch, ratsch! Etwas Kleines, Flauschiges huscht den Eichenstamm hinunter. Ein Eichhörnchen mit einem buschigen roten Schwanz. „Ich habe alles gehört", sagt das Eichhörnchen aufgeregt. „Ich bin Purzel. Und weißt du was, Nele? Heute Abend, als ich am silbernen Bach unterwegs war, da habe ich etwas gehört. Ein leises Summen. Ganz weich. So, wie wenn eine Melodie gerade einschlafen will." Neles Herz macht einen kleinen, fröhlichen Sprung. „Ein Summen? Am Bach?" Purzel nickt so eifrig, dass sein dicker Schwanz hin und her wackelt. „Ganz bestimmt! Komm, ich zeige dir den Weg!" Nele bedankt sich bei der Igel-Familie, aber die kleinen Igelkinder sind schon halb in ihrem weichen Blätternest eingeschlafen. „Viel Glück", murmelt Mama Igel noch verschlafen, dann kuschelt auch sie sich ein. Und so machen sich Nele und Purzel gemeinsam auf – hinaus in die silberne Mondnacht, dem leisen, geheimnisvollen Summen entgegen.
Weiter geht es mit Nele, der kleinen Nachtigall. Zusammen mit dem Eichhörnchen Purzel fliegt sie durch den stillen Abendwald, hinunter zum Bach. Kannst du es schon hören? Das leise Plätschern? Der Bach glitzert im Mondlicht, als hätte jemand Silber über das Wasser gestreut. Und das Wasser singt sein eigenes kleines Lied: plitsch, platsch, plitsch. Am Ufer steht die Rehmutter Sanftmut. Ihr Fell ist weich und braun, und ihre Augen sind groß und freundlich. Sie trinkt einen kleinen Schluck und hebt dann sanft den Kopf. Guten Abend, kleine Nele, sagt sie mit einer Stimme, so weich wie Moos. Was suchst du so spät am Bach? Mein Schlaflied, piept Nele leise. Es ist weg. Ich habe es heute Abend verloren. Da beginnt es rund um den Bach zu glitzern. Erst ein kleiner Lichtpunkt, dann zwei, dann ganz viele. Die Glühwürmchen! Sie tanzen über dem Wasser, hin und her, auf und ab, wie winzige fliegende Laternen. Die kleinen Lichter schweben näher und setzen sich auf die Zweige um Nele herum. Aber Rehmutter Sanftmut schaut Nele lange an und lächelt. Weißt du, kleine Nachtigall, sagt sie, manche Dinge sind gar nicht verloren. Manche Dinge sind nur müde und verstecken sich ein bisschen. So wie die Blumen, die am Abend ihre Blüten zuklappen. So wie die Sonne, die sich zum Schlafen hinter die Hügel legt. Vielleicht ist dein Schlaflied auch nur müde geworden. Nele überlegt ganz lange. Und dabei werden ihre Äuglein immer schwerer. Sie gähnt, ein kleines, langes, weiches Gähnen. Und mitten in diesem müden Gähnen spürt sie plötzlich etwas Warmes in ihrem Hals. Etwas Liebes, Leises. Ganz von selbst fängt Nele an zu summen. Leise steigt eine Melodie aus ihrem Schnabel … und das ist – da ist es ja! – ihr Schlaflied! Es war niemals weg, piept Nele ganz erstaunt. Es hat sich nur in meinem Müde-Sein versteckt! Die Glühwürmchen tanzen vor Freude kleine Lichtkreise. Und Sanftmut nickt zufrieden. Ich wusste es, sagt sie leise. Die schönsten Lieder wohnen in uns drinnen. Sie verschwinden nicht. Sie ruhen sich nur manchmal aus. Jetzt hat Nele ihr Lied wieder, tief in ihrem Herzen. Und schau nur: Purzel gähnt. Die Glühwürmchen fliegen langsamer. Sogar der Bach plätschert nur noch halblaut. Alle werden müde, ganz müde. Und weil Müdesein am schönsten ist, wenn man nicht allein ist, wollen die Freunde sich ein kuscheliges Nachtlager suchen. Eins für alle zusammen. Doch das, das erzähle ich dir gleich.
Gemeinsam gehen alle zurück zur alten Eiche, denn dort liegt das weichste Moos des ganzen Waldes. Es riecht nach warmen Blättern und ein klein wenig nach Abenteuer. Die Glühwürmchen schweben mit und hängen sich wie kleine goldene Laternen in die Zweige. Die Igel-Familie kuschelt sich auf dem Moos zusammen, Purzel das Eichhörnchen wickelt sich in seinen buschigen Schwanz wie in eine warme Decke, und Rehmutter Sanftmut legt sich ganz behutsam nieder. In ihrer weichen Mitte bleibt ein winziger Platz frei, nur für Nele. Frau Eule Edda lässt sich auf dem Ast direkt über ihnen nieder, wie eine freundliche Wächterin. »Jetzt«, flüstert Nele. Sie atmet einmal tief die kühle Abendluft ein und beginnt zu summen. Ganz leise. Ganz warm. Nele hat ihr Lied wiedergefunden, und diesmal passt sie gut darauf auf. Ihr Schlaflied steigt auf wie ein sanfter Duft und legt sich über den Wald wie eine weiche Decke aus Tönen. Zuerst werden die kleinen Igel müde. Sie gähnen so herzhaft, dass ihre Stacheln wackeln, und rollen sich zu glatten, runden Bällen zusammen. Dann wird Purzel müde. Seine Nase zuckt noch einmal, noch ein zweites Mal, und schon hat er sogar die versteckten Nüsse vergessen. Rehmutter Sanftmut klappt die langen Beine unter ihren Bauch und schließt ihre großen braunen Augen. Frau Eule Edda wollte eigentlich die ganze Nacht wachen, doch mitten in der Melodie klappt auch ihr erst das eine Auge zu und dann das andere. Die Glühwürmchen drehen ihre Lichter noch ein bisschen dunkler, damit niemand geblendet wird. Keiner sagt mehr ein Wort, nur das Bachwasser plätschert in der Ferne sein leises Lied. Und du? Spürst du auch, wie deine Augen immer schwerer werden? Atme einmal tief ein und wieder ganz langsam aus. Ganz langsam, so wie der Wald es macht. Die Melodie hüllt auch dich ein, warm und weich. Nele summt jetzt langsamer und langsamer. Ihre Flügel sinken, und ihr Köpfchen wird schwer. Da, ganz fern, von weit hinter dem Hügel, antwortet plötzlich ein zartes Summen. Es klingt ein bisschen wie Neles Lied. Ist das nur der Wind? Oder singt dort draußen jemand ihr Lied mit? Nele lächelt verschlafen. »Das finden wir heraus«, flüstert sie, »morgen.« Dann senkt ihr Köpfchen sich in das weiche Moos. Der Mond steht hoch über den Wipfeln und wacht, und sein silbernes Licht liegt wie Glitzer über allem. Die Sterne funkeln, als würden sie das Lied leise nachblinken. Und über dem schlummernden Wald wird es still. Ganz still. Hörst du es? Schhh.