Der schützende Piks: Eine Weltgeschichte der Impfung

Eine Reise durch über tausend Jahre Impfgeschichte — von der Variolation im alten China über Edward Jenner und Louis Pasteur bis zur mRNA-Technologie, begleitet von der Frage, warum Impfskepsis so alt ist wie die Impfung selbst.

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Willkommen bei toknow. Schön, dass du dabei bist. Heute tauchen wir ein in eine der faszinierendsten Geschichten der Medizin, die Geschichte der Impfung. Es ist eine Geschichte von Mut und Zweifel, von genialen Ideen und hartnäckiger Angst. Schon vor über tausend Jahren verrieben Menschen in China Pockenpusteln zu Pulver, um andere damit zu schützen. Jahrhundertelang folgten Ärzte, Wissenschaftler und Skeptiker diesem Weg, bis zur modernen mRNA-Technologie, die uns allen seit der Corona-Pandemie ein Begriff ist. Kaum eine medizinische Erfindung hat so viele Leben gerettet und zugleich so viel Widerstand erzeugt wie die Impfung. Wir schauen uns folgende Themen an: Erstens, die Anfänge mit der Variolation im alten China. Zweitens, Lady Montagu, die diese Methode nach Europa brachte. Drittens, Edward Jenner und die Milchmädchen. Da erfährst du auch, was Kühe mit dem Wort Impfung zu tun haben. Viertens, geborene Gegner, die erste Impfskepsis. Fünftens, Louis Pasteur, der die Impfung zur Wissenschaft machte. Sechstens, das Jahrhundert der Massenimpfungen. Siebtens, der Fall Wakefield und die moderne Impfskepsis. Achtens, die mRNA-Revolution. Und neuntens, ein Fazit mit Ausblick auf die Zukunft der Impfstoffforschung. Los geht's. Unsere Reise beginnt vor über tausend Jahren, mit einer ebenso riskanten wie genialen Idee.

Die Anfänge: Variolation im alten China

Stell dir vor, du lebst im China des zehnten Jahrhunderts, und um dich herum sterben Menschen an den Pocken — jeder Dritte, der sich ansteckt. Die Ärzte jener Zeit kamen auf eine ebenso gewagte wie kluge Idee: Sie nahmen die Krusten und Pusteln von Pockenkranken, verrieben sie zu feinem Pulver und bliesen es Gesunden in die Nase. Die Idee dahinter: Lieber eine kleine, kontrollierte Ansteckung riskieren als die große, tödliche. Und tatsächlich — die meisten erkrankten nur mild und waren danach ein Leben lang immun. Manche Quellen erzählen sogar von buddhistischen Mönchen, die das Verfahren praktizierten. Aber die Methode hatte einen gewaltigen Haken: Etwa ein bis zwei Prozent der Behandelten erkrankten schwer und starben. Manche steckten außerdem andere an und lösten neue Ausbrüche aus. Man nannte das Verfahren Variolation, abgeleitet von Variola, dem lateinischen Wort für die Pocken. Jahrhundertelang blieb dieses Wissen ein Geheimwissen, doch dann reiste es entlang der Handelsrouten weiter — über Indien und Teile Afrikas bis ins Osmanische Reich, wo die Variolation vor allem in Konstantinopel zur festen Praxis wurde. Von dort fand sie schließlich ihren Weg nach Europa, wo eine mutige Botschaftergattin die Methode berühmt machen sollte. Doch das ist eine Geschichte für das nächste Kapitel.

Lady Montagu und die Variolation kommt nach Europa

Stell dir vor: London, Anfang des achtzehnten Jahrhunderts. Die Pocken wüten, und niemand hat ein Mittel dagegen. Bis eine Frau auf den Plan tritt, die eigentlich gar keine Ärztin ist: Lady Mary Wortley Montagu. Sie war die Frau des britischen Botschafters in Konstantinopel — und sie hatte selbst Schlimmes erlebt. Ihr Bruder war an den Pocken gestorben, ihr eigenes Gesicht trug Narben. In der Osmanischen Stadt beobachtete sie etwas Erstaunliches: Alte Frauen gingen von Haus zu Haus und ritzten Menschen mit einer Nadel etwas Pockenflüssigkeit in den Arm. Die so Behandelten bekamen eine milde Krankheit — und danach nie wieder Pocken. Lady Montagu war sofort überzeugt. Sie ließ ihren eigenen Sohn variolieren, damals noch in Konstantinopel, und später auch ihre kleine Tochter in London. Das war eine mutige Nachricht: Die Botschaftergattin macht das bei ihrem eigenen Kind! Zurück in England wurde die Methode erst an Strafgefangenen getestet — und als die überlebten, ließ sogar die königliche Familie ihre Kinder behandeln. Und doch: Die Angst blieb. Denn Variolation bedeutete, sich absichtlich anzustecken. Manche starben daran. Gefeiert als Wunder, gefürchtet als Risiko — die Variolation spaltete Europa.

Edward Jenner und die Milchmädchen

Ende des achtzehnten Jahrhunderts praktizierte in der englischen Grafschaft Gloucestershire ein Landarzt namens Edward Jenner. Ihm fiel etwas auf, das zwar viele kannten, aber niemand wirklich hinterfragt hatte: Milchmädchen hatten auffallend oft eine makellose Haut — keine der tiefen Narben, die die Pocken hinterließen. Der Grund: Sie hatten sich beim Melken mit Kuhpocken angesteckt, einer für Menschen harmlosen Verwandten der gefürchteten Blattern. Wer das einmal durchgemacht hatte, erkrankte nie an den echten Pocken. Jenner vermutete, dass die harmlose Infektion den Körper gegen die tödliche Schwesterkrankheit wappnete. Am vierzehnten Mai 1796 wagte er das Experiment. Er nahm Eiter aus einer Kuhpockenpustel der Milchmagd Sarah Nelms und übertrug ihn auf den achtjährigen James Phipps, den Sohn seines Gärtners. Der Junge bekam leichtes Fieber, erholte sich aber schnell. Wochen später folgte der entscheidende Test: Jenner impfte ihn mit echtem Pockenmaterial — und nichts passierte. James Phipps war immun. Aus heutiger Sicht ist so ein Versuch an einem Kind ethisch undenkbar. Doch die Idee revolutionierte die Medizin, denn anders als bei der gefährlichen Variolation musste nun niemand mehr absichtlich mit echten Pocken infiziert werden. Jenner benannte seine Methode nach dem lateinischen Wort für Kuh: vacca. Daraus wurde die Vaccination — und bei uns schlicht die Impfung. Ein Wort, das du überall hörst und das von einer Kuh abstammt.

Geborene Gegner: Die erste Impfskepsis

Kaum hatte Edward Jenner seine neue Methode bekannt gemacht, begann auch schon der Widerstand. Stell dir vor: Im Jahr 1802 erscheint in London eine Karikatur, die bis heute berühmt ist. Geimpften wachsen Kühe aus den Armen, aus den Köpfen sprießen Hörner. Die Vorstellung, tierisches Material in den menschlichen Körper zu bringen, löste tiefe Abwehr aus. Manche Prediger erklärten die Impfung gar für gottlos — Krankheit gehöre schließlich zum göttlichen Plan. Und ganz abwegig waren die Bedenken damals nicht: Der Impfstoff wurde oft von Arm zu Arm weitergegeben, und dabei konnten andere Krankheiten mitwandern. Als Großbritannien 1853 die Pockenimpfung für Kinder zur Pflicht machte, explodierte der Protest richtig. Anti-Impf-Ligen entstanden im ganzen Land. In Leicester gingen 1885 an die hunderttausend Menschen auf die Straße — mit Transparenten, Kinderwiegen und öffentlich verbrannten Gesetzestexten. Und die Motive dahinter? Sie klingen bis heute vertraut: Angst vor dem Neuen, Misstrauen gegen Medizin und Staat. Das Unbehagen, wenn jemand Fremdes in den eigenen Körper eingreift. Und das Bedürfnis, über die eigene Gesundheit selbst zu bestimmen. Dazu kommt ein merkwürdiger Zwiespalt: Einer gesunden Person wird absichtlich etwas verabreicht — das fühlt sich riskanter an als das bloße Abwarten. Impfskepsis ist also kein Phänomen der Moderne. Sie begleitet die Impfung von Anfang an.

Louis Pasteur: Der Impfstoff wird Wissenschaft

Jetzt machen wir einen Sprung ins Frankreich des späten neunzehnten Jahrhunderts – zu einem Mann, der die Impfung vom Handwerk zur Wissenschaft macht: Louis Pasteur. Der entscheidende Moment beginnt mit einem Zufall. Pasteurs Assistent vergisst vor dem Urlaub eine Kultur mit Hühnercholerakeimen im Labor. Als er zurückkommt, spritzen sie Hühnern die abgestandene Brühe – und die Tiere werden nur leicht krank und überleben. Als Pasteur denselben Hühnern danach frische, hochgiftige Erreger gibt, passiert Erstaunliches: nichts. Die Hühner sind immun. Pasteur begreift sofort: Ein abgeschwächter Erreger kann schützen. Das Prinzip der Abschwächung ist geboren. Danach kommt der Milzbrand. 1881 inszeniert Pasteur ein spektakuläres Experiment: geimpfte Schafe überleben, ungeimpfte sterben. Die Welt ist elektrisiert. Und dann der dramatischste Moment: 1885 wird der neunjährige Joseph Meister von einem tollwütigen Hund mehrfach gebissen. Tollwut endet damals fast immer tödlich. Pasteur, eigentlich Chemiker und kein Arzt, wagt es, den Jungen mit seinem abgeschwächten Tollwutimpfstoff zu behandeln – dreizehn Spritzen über zehn Tage. Joseph überlebt – und wird später Pförtner am Pasteur-Institut in Paris. Aus Respekt vor Jenner nennt Pasteur seine Methode übrigens Vakzination. Und mit ihm beginnt die Immunologie als echte Wissenschaft – du siehst, der Weg ist frei für die großen Impferfolge des zwanzigsten Jahrhunderts.

Das Jahrhundert der Massenimpfungen

Im zwanzigsten Jahrhundert wird die Impfung vom Einzelexperiment zum staatlichen Programm — und das verändert alles. In den zwanziger Jahren kommen Impfstoffe gegen Diphtherie und Tetanus auf, Krankheiten, vor denen sich Generationen fürchteten. Diphtherie galt als Würgeengel der Kinder; heute kennen wir sie kaum noch. Dann Polio, die Kinderlähmung. Stell dir vor: In den fünfziger Jahren grassiert sie in Amerika und Europa, Kinder landen in der Eisernen Lunge, im Sommer bleiben die Freibäder leer, weil Eltern Angst vor Ansteckung haben. 1955 stellt Jonas Salk seinen Totimpfstoff vor, wenig später folgt Albert Sabins Schluckimpfung — ein Tröpfchen, und die Angst vor Polio verblasst innerhalb weniger Jahrzehnte. Aber der größte Triumph ist die Ausrottung der Pocken. 1967 startet die Weltgesundheitsorganisation eine globale Kampagne mit einem cleveren Trick: Statt alle zu impfen, wird um jeden neuen Fall herum geimpft, Ring für Ring. 1977 erkrankt in Somalia der letzte Mensch an natürlichen Pocken, und 1980 erklärt die WHO die Pocken für ausgerottet — die erste und bis heute einzige Krankheit, die der Mensch komplett von der Erde getilgt hat. Das Erfolgsgeheimnis: Organisation, Ausdauer und internationale Zusammenarbeit. Millionen Leben wurden gerettet. Doch genau dieser Erfolg hat eine Kehrseite: Wo Krankheiten verschwinden, vergessen wir, wie gefährlich sie einmal waren — und genau da setzt die moderne Impfskepsis an. Der widmen wir uns im nächsten Kapitel.

Der Fall Wakefield und die moderne Impfskepsis

Manchmal reicht ein einziger Artikel, um Jahrzehnte medizinischen Fortschritts ins Wanken zu bringen. 1998 veröffentlichte der britische Arzt Andrew Wakefield im renommierten Fachjournal The Lancet eine Studie mit gerade mal zwölf Kindern. Darin behauptete er einen Zusammenhang zwischen der Masern-Mumps-Röteln-Impfung und Autismus. Was folgte, war ein medialer Sturm: Impfraten brachen ein, Masern feierten ein Comeback. Dabei war die Studie nicht nur schlampig, sie war manipuliert. Wakefield hatte Daten gefälscht und finanzielle Interessen verschwiegen. Im Jahr 2010 zog das Lancet die Arbeit vollständig zurück, Wakefield verlor seine Approbation. Dutzende große Studien mit Millionen Kindern fanden keinerlei Zusammenhang. Doch der Zweifel war in der Welt. Warum halten sich solche Mythen so hartnäckig? Zum einen liegt es am Erfolg der Impfung selbst: Wer Masern nie gesehen hat, fürchtet die Spritze mehr als die Krankheit. Zum anderen lieben soziale Medien Empörung. Falschmeldungen verbreiten sich dort schneller als jede Korrektur, weil Algorithmen Emotionen belohnen, nicht Fakten. Und du kennst das vielleicht: Wer einmal wirklich Angst um sein Kind hatte, lässt sich von Statistiken nur schwer beruhigen. Der Fall Wakefield zeigt, wie fragil Vertrauen ist — und warum aufgeklärte Skepsis heute wichtiger ist denn je.

Die mRNA-Revolution

Und dann kam 2020 — und plötzlich sprach die ganze Welt über mRNA. Doch was wie eine Erfindung über Nacht wirkte, war das Ergebnis von vierzig Jahren harter Forschung. Im Zentrum steht eine Frau: Katalin Karikó. Die ungarische Biochemikerin glaubte seit den achtziger Jahren daran, dass man Boten-RNA, kurz mRNA, als Medizin nutzen könnte. Ihre Kollegen? Skeptisch. Fördergelder? Gestrichen. Karikó wurde sogar degradiert, stieg nie zur Professorin auf — und blieb trotzdem hartnäckig. Ihr Durchbruch, zusammen mit dem Immunologen Drew Weissman: Sie fanden heraus, wie man mRNA so verändert, dass das Immunsystem sie nicht sofort angreift, sondern in Ruhe arbeiten lässt. Aber wie funktioniert das? Stell dir mRNA vor wie ein Rezept, das du deinen Zellen kurz zeigst. Das Rezept lautet: Bau ein harmloses Einzelteil des Virus, zum Beispiel das Spike-Protein. Deine Zellen produzieren dieses Bruchstück, dein Immunsystem trainiert daran — und kurz darauf baut der Körper die mRNA einfach wieder ab. Kein lebendes Virus, keine dauerhaften Veränderungen, nur ein Übungszettel für deine Abwehr. Genau das war der Vorteil: Kaum war das Erbgut des Coronavirus entschlüsselt, stand der Impfstoffentwurf — in Tagen, nicht Jahren. 2023 erhielten Karikó und Weissman den Nobelpreis. Die Idee, an die kaum jemand geglaubt hatte, rettete Millionen Menschen — und sie steht erst am Anfang.

Fazit & Ausblick

Und damit sind wir am Ende unserer Reise angekommen. Was nimmst du mit aus über tausend Jahren Impfgeschichte? Erstens: Die Impfung gehört zu den größten Errungenschaften der Medizin überhaupt. Vom Pulver aus Pockenpusteln im alten China über Jenners Kuhpocken und Pasteurs abgeschwächte Erreger bis zur mRNA-Technologie — jede Generation hat auf den Erkenntnissen der vorherigen aufgebaut. Die Ausrottung der Pocken 1980 zeigt, was möglich ist, wenn Wissenschaft und internationale Zusammenarbeit zusammenkommen. Zweitens: Dieser Fortschritt war nie geradlinig. Er lebte von mutigen Beobachtern wie Lady Montagu, von beharrlichen Forschern wie Katalin Karikó — und manchmal auch vom Zufall. Drittens: Skepsis begleitet die Impfung von Anfang an. Ob Karikaturen mit wachsenden Kuhhörnern, Anti-Impf-Ligen oder die widerlegte Wakefield-Studie — die Muster wiederholen sich immer wieder. Angst und Misstrauen verbreiten sich oft schneller als Fakten, besonders in den sozialen Medien. Und der Ausblick? Die mRNA-Plattform eröffnet gerade völlig neue Wege — von personalisierten Krebstherapien bis zu Impfstoffen gegen Malaria oder HIV. Die Geschichte der Impfung ist längst nicht zu Ende erzählt. Wenn du eines aus dieser Folge mitnimmst, dann vielleicht dies: Hinter jeder Spritze steckt eine lange Geschichte aus Mut, Neugier und Beharrlichkeit. Das war toknow. Ich hoffe, du nimmst heute etwas Neues mit. Bis zum nächsten Mal — bleib neugierig.